Tango-DJing mit Vinyl-Schallplatten

Was ist auf Schallplatten erhältlich?

Tanzbarer Tango vor allem bis 1950
Es gibt viele Tangoplatten auf dem Markt. Der Großteil sind Schallplatten mit Tangomusik aus den Jahren nach dem Goldenen Tangozeitalter, also ab 1950. Diese Musik wird von den Argentiniern als "Sofatangos" bezeichnet, weil sie mehr zum Zuhören als zum Tanzen gedacht ist.
Zum Tanzen eignet sich daher vor allem Musik mit Aufnahmen von 1930 bis 1950 und bei einigen Orchestern, zum Beispiel von Carlos Di Sarli, auch noch bis Mitte der 1950er Jahre. Danach ist die Klangqualität der Aufnahmen zwar wesentlich besser, weil die Aufnahmetechniken einen deutlichen Entwicklungssprung gemacht hatten, die Musik geht ab dieser Zeit aber kaum noch in die Beine.

 

Wenig Tanzbares nach 1950
Allerdings gibt es auch ein paar Ausnahmen. So haben nach 1950 beispielsweise die Orchester von Juan D´Arienzo oder Osvaldo Pugliese neben vielen Gesangsstücken, die nur schwer oder nicht tanzbar sind, auch ein paar sehr schöne Instrumentalstücke aufgenommen, wonach man durchaus tanzen kann. Aber auch Rodolfo Biagi und Miguel Calo haben in den 1950er und 1960er Jahren noch ein paar tanzbare Stücke aufgenommen. Des Weiteren gibt es mehrere jüngere Orchester und Ensembles, wie Sextette, Quintette und Quartette, die nach 1960 entstanden, von denen ebenfalls vor allem die Instrumentalstücke gut tanzbar sind. Zu den Orchestern dieser Zeit gehören zum Beispiel die Orchester Los Reyes und Los Solistas, die sich in ihrem Tangostil beide am Stil von D´Arienzo angelehnt haben.

 

Viel tanzbare Tangomusik auf Mono-Schallplatten
Der mit Abstand größte Teil der besten tanzbaren Tangomusik stammt aber aus den Jahren von 1935 bis 1950 und diese Musik ist auf gut erhaltenen Schallplatten in guter Klangqualität nur noch schwer zu bekommen.
Viele Aufnahmen aus dieser Zeit gibt es nur auf Mono-Schallplatten, die dann mit einem Mono-Tonabnehmersystem gespielt werden sollten, weil der Klang dadurch besser ist, als wenn man diese alten Platten mit etwas breiteren Rillen mit einem Stereo-Tonabnehmer abspielt.
Mono-Schallplatten wurden bis ungefähr 1965 gepresst, weshalb sie mindestens 50 Jahre alt sind. Wenn sie gut erhalten sind, kann die Klangqualität hervorragend sein. Manchmal haben die Stücke auf den Schallplatten sogar weniger Originalknistern oder Hintergrundrauschen der alten Aufnahmen als dieselben Stücke von CD. Derart gut erhaltene Platten aus dieser Zeit sind jedoch heute eine Rarität. Die meisten Schallplatten, die bereits 50 Jahre alt oder älter sind, entsprechen nicht mehr der Qualität, die wir dauerhaft hören mögen.


Hochwertige Tangomusik auch auf Stereo-Schallplatten
Glücklicherweise wurde ein großer Teil der Tangomusik aus der Goldenen Tangoära in tontechnisch überarbeiteter Form auch noch nach 1965 in Stereoqualität herausgebracht, weshalb man diese Musik auf Stereo-Schallplatten ab Mitte der 1960er bis Anfang der 1990er Jahre bekommen kann. Mit ein wenig Glück kann dann auch schon einmal eine wenig oder ungespielte, neuwertige Platte dabei sein, die jedoch fast immer schmutzig ist und gründlich gereinigt werden muss.
Stereo-Schallplatten sollten ausschließlich mit Stereo-Tonabnehmersystemen gespielt werden, weil die Rillen ein wenig enger als von Mono-Schallplatten sind und die Nadeln von Stereo-Tonabnehmern ebenfalls einen etwas geringeren Durchmesser als von Mono-Tonabnehmersystemen haben. Breitere Mono-Nadeln können den schmaleren Rillen sonst langfristig Schaden zufügen, wodurch sich der Klang deutlich verschlechtern kann. Außerdem ist die Technik von Stereo-Tonabnehmern eine etwas andere als von Mono-Tonabnehmern, weil Stereo- und Mono-Schallplatten andere Rillenprägungen (Rillenschriften) haben.

 

Tanzbare Tangomusik von neuzeitlichen Orchestern nicht auf LPs
Tanzbare Tangomusik von neuzeitlichen Orchestern und Ensembles, wie La Juan D´Arienzo, Roulotte Tango, Sexteto Milonguero, Beltango, Solo Tango u. s. w., ist derzeit noch nicht auf Schallplatten erhältlich. Aber auch wenn das eine oder andere Ensemble eines Tages einmal eine LP herausbringt, sollte man darauf achten, dass die Musik nicht digital, sondern analog aufgenommen wurde. Heutzutage wird in der Regel alles digital aufgenommen, weshalb man bei neuzeitlichen Platten zumeist keine echte analoge Musik auf den Platten hat.

 

Was sollte man beim Kauf von Tango-Schallplatten wissen und beachten?

Tangoplatten sind immer alt
Die meisten auf dem Markt erhältlichen Tango-Vinylschallplatten sind mindestens 30 bis 40 Jahre alt. Weil deren Produktion Anfang der 1990er Jahre eingestellt wurde, kann man ausschließlich alte Tango-Schallplatten kaufen. Alt bedeutet jedoch nicht gleichzeitig schlecht. Denn mit ein wenig Glück kann man durchaus noch die eine oder andere gut erhaltene LP mit tanzbarer Tangomusik erwerben. Diese sind jedoch seit den 2010er Jahren sehr selten geworden.

 

DJ-Plattenspieler für Mono- und Stereo-Schallplatten notwendig
Mono-Vinylschallplatten wurden bis ungefähr 1965 produziert. Danach wurden nur noch Stereo-Schallplatten gepresst. Als Platten-DJ benötigt man daher einen DJ-Plattenspieler mit der Möglichkeit, den Tonabnehmer austauschen zu können. Denn für das Abspielen von Mono-Schallplatten sollte man einen Mono-Tonabnehmer und für Stereo-Schallplatten einen Stereo-Tonabnehmer verwenden. Diese lassen sich bei einem DJ-Plattenspieler innerhalb von wenigen Sekunden austauschen.

Für das optimal Auflegen von Schallplatten werden zwei DJ-Plattenspieler mit einem Mixer, der mindestens drei Kanäle hat, verbunden, so dass auch noch ein Laptop angeschlossen werden kann. Auf diese Weise können einzelne Titel von verschiedenen Schallplatten nicht nur direkt hintereinander abgespielt werden, sondern man kann auf einfache Weise auch Musik aus dem Laptop zuschalten.

 

Gut erhaltene Tango-Schallplatten - eine Rarität
Weil Tangoaufnahmen aus den 1930er und 1940er Jahren häufig mehr oder weniger starke Nebengeräusche, wie Knistern oder Rauschen, haben, sind zusätzliche Klangstörungen von schlecht erhaltenen Schallplatten durch stärkeres schmutz- oder kratzerbedingtes Knistern oft sehr störend. Aus diesem Grund ist es vor allem für Milongas wichtig, gut erhaltene Platten mit wenig zusätzlichen Nebengeräuschen zu besitzen und aufzulegen. Dies ist vor allem dann von Bedeutung, wenn man nicht nur zwischendurch einmal eine Tanda mit einer Vinyl-Schallplatte, sondern viele Tandas mit Platten auflegt.

Leider sind gut erhaltene Tango-Schallplatten in ungespielter Mint-Qualität (M) oder fast neuwertiger Near-Mint-Qualität (NM) mittlerweile eine Rarität. Weil die Plattenhändler kaum noch gut erhaltene Tango-Schallplatten nachkaufen können, werden viel gespielte Platten, die auch kleine, leicht hörbare Kratzer haben, immer häufiger als Near-Mint-Platten verkauft. Wenn man Pech hat, haben die gekauften "Near-Mint-Platten" sogar eine noch schlechtere Qualität.
Bei meinen Fehlkäufen sind sogar "Near-Mint-Platten" dabei, deren Rillen durch häufiges Abspielen mit schweren Auflagegewichten der Tonabnehmer so stark zerstört sind, dass es keine Freude ist, diese Platten auch nur ein paar Sekunden anzuhören.

 

Die heutige Realität bezüglich der Bewertung von Tango-Schallplatten

Ein Plattenhändler aus Buenos Aires hat mir einmal erklärt, dass die Bewertungsmaßstäbe von vielen Plattenhändlern in Südamerika und anderen Ländern für Tango-Schallplatten und andere alte Schallplatten trotz einheitlicher Definitionen nicht mehr unseren deutschen Maßstäben entsprechen. Als fast neuwertig (near mint, NM) werden von ihnen bereits Schallplatten bewertet, die rein visuell keine tiefen Kratzer aufweisen. Feine, oberflächliche Kratzer und andere Gebrauchsspuren, die auf ein häufiges Abspielen der Platten hindeuten, wodurch eine Platte höchstens als very good (VG) oder very good + (VG+) eingestuft werden könnte, werden dabei ignoriert.

 

Tango-Schallplatten - ein kostspieliges Hobby
Auf jeden Fall sollte man für ein solches Hobby viel Geld übrig haben, denn gut erhaltene Tangoplatten aus Vinyl kosten derzeit zwischen 30 und 70 Euro pro Platte. Dazu kommen noch durchschnittlich 8 bis 10 Euro Versandkosten pro Langspielplatte und zirka 20 Prozent Zollgebühren auf den Warenwert und die Versandkosten, falls man nicht das Glück hat, dass die Platten von der Zollabfertigung durchgelassen werden.

 

Was sollte beim Kauf eines Plattenspielers beachtet werden?

Wichtige Eigenschaften eines guten DJ-Plattenspielers
Das Wichtigste ist, dass es sich um einen DJ-Plattenspieler handelt. Das bedeutet, dass der Tonarm grundsätzlich von Hand bewegt wird und an jeder Stelle der Platte abgesenkt und angehoben werden kann. Die Absenkung und Anhebung geschieht dabei entweder manuell oder mechanisch mit einem entsprechenden Hebel.
Des Weiteren sollte der Plattenspieler einen Direktantrieb mit starkem, aber leisem Motor haben. Vorteilhaft ist auch, wenn man drei Geschwindigkeitsstufen für Langspielplatten, Singleplatten und Schellackplatten zur Auswahl hat (33/45/78 U/min). Dass alle guten DJ-Plattenspieler heute einen Vorverstärker eingebaut haben, den man ein- und abschalten kann, ist mittlerweile Standard.
Für mich ist auch eine zusätzliche Abdeckhaube sehr wichtig, weil das Verstauben der Schallplatten dadurch deutlich verringert werden kann. Dies wirkt sich vor allem dann positiv aus, wenn man in einer Milonga mehrere Stücke hintereinander oder privat zu Hause ganze LP-Seiten spielt oder wenn man eine Platte auf den Plattenteller gelegt hat und diese erst einige Zeit später abspielt.

 

Empfehlenswerte DJ-Plattenspieler
Der Mercedes unter den DJ-Plattenspielern ist der Technics 1210, der aber seit 2010 nicht mehr nachgebaut wird. Der Preis von Restbeständen dieses Plattenspielers liegt bei ungefähr 2.300 Euro pro Stück.
So viel Geld muss man allerdings nicht für einen guten DJ-Plattenspieler ausgeben. Denn es gibt auch relativ gute Nachbauten dieses legendären Klassikers, die ebenfalls eine sehr gute Leistung haben. Zu den empfehlenswerten Marken mit günstigen Angeboten gehören unter anderem Audio Technica, Numark und Reloop.
Ich besitze zwei Audio Technica AT-LP120-USBHC und bin damit sehr zufrieden. Der Klang ist hervorragend und die Technik funktioniert einwandfrei. Dieser Plattenspieler ist robust und ich kann nichts an ihm aussetzen.
Wichtig sind neben einem guten Plattenspieler vor allem gute Tonabnehmer, denn dadurch kann man beim Klang dann noch einiges aus den Platten herausholen.

 

Nadeln und Tonabnehmer - wichtiges Feintuning

Die Nadel sollte neuwertig sein
Die Nadel ist das Wichtigste bei einem Plattenspieler. Sie sollte nicht allzu alt und ohne Beschädigungen sein. Dadurch wird die Abnutzung der Schallplatten so gering wie möglich gehalten.
Zusätzlich sollte die Ausrichtung der Nadel stimmen und das Auflagegewicht des Tonarms sollte nicht über zwei Gramm liegen. Letzteres wird vom Hersteller des Tonabnehmers vorgegeben. Ich spiele meine Platten mit einem Auflagegewicht von 1,5 Gramm ab.

 

Elliptische Nadeln klingen besser und schonen die Platten

Für das Abspielen von Stereo-Tangoplatten sollten ausschließlich elliptische Nadeln verwendet werden. Diese sind konisch geformt und haben eine relativ große Berührungsfläche mit der Rille. Dadurch verbessert sich die Klangqualität gegenüber den runderen, sphärischen Nadeln und die Auflagekraft in der Rille ist geringer, wodurch die Platte geschont wird.
Für das Abspielen von Mono-Schallplatten werden hingegen Nadeln mit einem etwas größeren Durchmesser benötigt, weil die Rillen von Mono-Schallplatten ein wenig breiter als von Stereo-Schallplatten sind. Mononadeln sind daher breiter als Stereonadeln. Es gibt Mononadeln in elliptischer und sphärischer Form.
Ein Vorteil von sphärischen Nadeln ist, dass man damit scratchen kann, was wir beim Tango-DJing aber nicht benötigen. Die Nachteile von sphärischen Nadeln sind hingegen ihre geringere Berührungsfläche mit der Rille, wodurch nicht nur die Klangqualität schlechter ist, sondern sich auch die Auflagekraft in diesem Bereich vergrößert, was zu einer schnelleren Abnutzung der Platten als bei elliptischen Nadeln führt.


Mono- und Stereo-Tonabnehmer notwendig

Weil viele alte Tangoplatten Mono-Schallplatten sind, benötigen wir als Tango-DJ neben einem Stereo-Tonabnehmer auch einen Mono-Tonabnehmer mit etwas breiterer Nadel.
Da wir beim Tango-DJing häufig den Mono- und Stereo-Tonabnehmer wechseln, ist es wichtig, dass beide Tonabnehmer das gleiche Gewicht haben, um nicht ständig das Auflagegewicht des Tonarms neu justieren zu müssen.
Leider gibt es nur wenig Mono-Tonabnehmer im Preissegment bis 180 Euro. Wenn wir uns daher für ein Modell entschieden haben, ist es sinnvoll, von derselben Firma einen ähnlich gebauten Stereo-Tonabnehmer zu kaufen, der möglichst dasselbe Gewicht wie der Mono-Tonabnehmer hat. Leichte Gewichtsunterschiede lassen sich dann durch eine Verschiebung des Tonabnehmers am Systemträger (Headshell) ausgleichen.

Mono-Schallplatten können zwar auch mit einem Stereo-Tonabnehmer abgespielt werden, ohne dass die Platten dadurch geschädigt werden, man muss dann jedoch hörbare Abstriche bei der Klangqualität in Kauf nehmen.
Stereo-Schallplatten sollten hingegen nie mit einem Mono-Tonabnehmersystem gespielt werden, weil die breitere Nadel langfristig die Rillen beschädigen kann. Außerdem ist auch hierbei die Klangqualität hörbar verschlechtert.


Empfehlenswerte Tonabnehmer

Bei den Tonabnehmern gibt es, ebenso wie bei den Plattenspielern, große Unterschiede in mehreren Qualitäts- und Preiskategorien.
Für den Einstieg und ein schmaleres Budget bieten sich zum Beispiel der Mono-Tonabnehmer Ortofon OM D25M und der Stereo-Tonabnehmer Ortofon OM 10 oder Ortofon Super OM 10 an.
Ich verwende für den ersten Plattenspieler die hochwertigen und sehr gut klingenden Tonabnehmer Prestige Mono ME+ und Prestige Silver1 (Stereo) von Grado und für den zweiten Plattenspieler den Mono-Tonabnehmer Prestige Mono MC+ und den Stereo-Tonabnehmer Prestige Blue1 von Grado.
Besonders der Silver1 ist ein Spitzenprodukt der Prestige-Serie von Grado und hat einen so guten Klang, dass man bei Aufnahmen ab den 1970er Jahren und einer guten Anlage mit guten Lautsprechern das Gefühl hat, direkt vor dem Orchester zu sitzen. Die hohen Investitionen lohnen sich also definitiv! Bei Schallplatten mit älteren Aufnahmen ist der Unterschied der hochwertigeren zu den etwas weniger guten Tonabnehmern zwar auch hörbar, aber nur dann, wenn man im direkten Vergleich ganz genau hinhört.


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